Wo Großmutter sich ausnahmsweise irrte: Hausmittel gegen Scheidenpilz.

June 29, 2017

„Fantastische Hausmittel und wo sie zu finden sind“ – so wollte Gesundheitsthemen-Bloggerin Annalisa S. alias Healthy Friends* ihre geplante Reihe über Hausmittel gegen gesundheitliche Beschwerden nennen. Das war, bevor sie begann zu recherchieren.

Dann stolperte sie im Rahmen ihrer Recherche im Netz über einen Satz, der sie mit einer fast vergessen geglaubten Erinnerung konfrontierte: „Behandlungen mit Hausmittel gegen Scheidenpilz sind einfach, effektiv und kostengünstig und können bei regelmäßiger Anwendung und etwas Geduld den Vaginalpilz durchaus in die Flucht schlagen.“

Auf der einen Seite schüttelte sie ob dieser Aussage leicht verständnislos den Kopf – auf der anderen Seite musste sie jedoch liebevoll an ihre verstorbene Oma denken. Die war nicht nur eine tolle und patente Frau – sie hatte auch auf alle Beschwerden eine Antwort.

Großmutter ist die Beste

Für jedes Wehwehchen kannte sie ein Hausmittel, das meistens wirkte. Kein Wunder, ihre Großmutter war die Tochter einer Heilerin aus einem kleinen Dorf in Pommern. Der nächste Arzt war damals einen Tagesritt entfernt und Annalisas Ur-Oma kümmerte sich um die Menschen in ihrem Dorf. Sie brachte ihrer Oma viel altes Gesundheitswissen bei, dass sich über viele Generationen bewährt hatte. Ob es jetzt das Zwiebelsäckchen mit gehackten und erwärmten Zwiebelstückchen bei Annalisas Ohrenschmerzen war, Zwiebelsaft mit Honig bei Husten oder gepresster Kartoffelsaft bei Sodbrennen – die Hausmittel wirkten in der Regel und waren eine tolle Ergänzung oder Alternative zur Schulmedizin. Eine Ausnahme davon gab es jedoch.

Als Omas Hausmittel versagten

Als Jugendliche litt Annalisa aufgrund einer Erkrankung, die ihre Scheidenflora negativ beeinflusste, häufig unter Scheidenpilz. Natürlich kamen anfänglich auch hier Großmutters Hausmittel zum Einsatz. Annalisa probierte die unterschiedlichsten Mittel aus. Sie tunkte Tampons in Joghurt und führte sie in ihre Scheide ein, weil die Bakterienkulturen die aus dem Gleichgewicht geratene Scheidenflora wieder stabilisieren und so den Pilz bekämpfen sollten. Als das nicht fruchtete, führte sie zusätzlich noch geschälte Knoblauchzehen ein, weil er laut Oma eine keimabtötende und desinfizierende Wirkung hätte. Es folgten Scheidenspülungen mit Teebaumöl, dem antimykotische und auch antibakterielle Eigenschaften nachgesagt werden. Und Sitzbäder in Apfelessig, dessen Säure den ph-Wert in der Scheide wieder auf ein gesundes, pilzfeindliches Niveau absenken sollte. Annalisa teste als Jugendliche damals die unterschiedlichsten Hausmittel, die sich doch alle in einem glichen: sie waren ausnahmslos wirkungslos. Das ist nicht weiter verwunderlich, wenn man weiß, dass Hausmittel gegen Scheidenpilz keine nachgewiesene Wirkung entfalten. Und das hat seine Gründe.

Gut gedacht, schlecht gemacht

Wenn man sich ein bisschen mit Scheidenpilz und seinen Ursachen auskennt, sind die Begründungen für den Einsatz der verschiedenen Hausmittel durchaus nachvollziehbar. Die lokale Immunabwehr ist geschwächt und die ohnehin vorhandenen Pilzerreger können sich auf einmal hervorragend vermehren – ein ähnlicher Vorgang findet übrigens bei der bakteriellen Vaginose statt, nur dass hier bakterielle Erreger die Gunst der Stunde nutzen und sich in der Scheidenflora breit machen. Und auf die Scheidenflora scheinen die meisten des althergebrachten oder moderneren Hausmittel abzuzielen: bring sie wieder in Ordnung und alles wird gut. Bei Annalisa wurde damals jedoch gar nichts gut. Das Problem ist einfach: bevor die Erreger – ob nun Pilze oder Bakterien – nicht ursächlich bekämpft werden, kann es auch nicht besser werden. In der Regel helfen nur Antimykotika gegen Pilze – oder Mittel, welche die Symptome einer bakteriellen Vaginose verlässlich lindern können.

„Hausverbot“ für Hausmittel?

Bei aller Sympathie für Hausmittel: gegen Scheidenpilz sind sie für Annalisa S. Rezepte aus der Gerüchteküche. Im besten Falle bewirken sie bei Intiminfektionen nichts, manchmal verschlimmern sie die Situation sogar noch. Nach Annalisas mentaler Reise in die Vergangenheit wurde ihr wieder klar, wie lange sie unnötig unter diesem unvorstellbarem Jucken gelitten hat – nur weil sie nicht direkt eine vernünftige Therapie mit einem antimykotischen Mittel angefangen hat. Dabei hatte sie noch Glück. Manchmal kommt es sogar zu weiteren Komplikationen, weil Keime in die Scheide gelangen. Joghurt ist zum Beispiel nicht steril und kann weitere Erreger enthalten. Manche Hausmittel wie Essig sind auch viel zu aggressiv für die empfindliche Scheidenflora und belasten das ohnehin schon angeschlagene Milieu noch weiter. Aber das Entscheidende ist am Ende, dass all diese Mittel de facto keine Pilzkulturen oder Bakterienstämme zurückdrängen können. Und genau deshalb hat sich Annalisa S. auch so geärgert, als sie den oben erwähnten Satz im Internet gelesen hat. Die Behandlung sollte in jedem Falle mit wirksamen medizinischen Mitteln erfolgen. So wie damals in ihrer Jugend, als ihre Mutter den Scheidenpilz-Hausmitteln von Oma nach ein paar erfolglosen Versuchen „Hausverbot“ erteilte. Irgendwie war Annalisa damals froh gewesen, dass ihre Oma nicht so etwas sagte, wie: „Also bei mir hat der Quarktampon immer gewirkt.“ Nach gründlichem Überlegen ist Annalisa, die wenig überraschend ein großer J.K. Rowling Fan ist, dann doch zu dem Schluss gekommen, Ihre Blog-Serie „Fantastische Hausmittel und wo sie zu finden sind“ zu nennen – so wie ursprünglich angedacht. Allerdings würde sie den Beitrag zum Thema Hausmittel gegen Scheidenpilz untertiteln mit: „Wo Großmutter sich ausnahmsweise irrte“.